Weg mit dem Arschgeweih – Berliner Zeitung 06.06.2006

Weil aus trendigem Körperschmuck ein trashiges Prollsymbol wurde, haben Hautärzte regen Zulauf

Noch vor wenigen Jahren liefen viele junge Frauen in die Tätowierstudios, um sich ein Tattoo über dem Steißbein stechen zu lassen, das so genannte “Arschgeweih”. Auch Tätowierungen an anderen Körperstellen waren in Mode, jetzt kommt die Reue. Hautärzte, Lasermediziner und Praxen für medizinische Kosmetik zählen immer mehr Patienten, die die Bilder, die für die Ewigkeit gedacht waren, per Laser loswerden wollen. “Die Zahl derer, die sich professionelle, schön gemachte Tattoos entfernen lassen, hat sich verdoppelt, wenn nicht verdreifacht”, sagt Hautärztin Elisabeth Rowe vom Dermatologischen Zentrum Berlin. Viele Frauen ließen sich ihr Arschgeweih entfernen, weil es inzwischen den Ruf habe, prollig zu sein. Jens Wöhle, Tätowierer im Reinickendorfer Studio 4-Life-Tattoo bestätigt das: “Die Leute sagen heute, alles nur kein Arschgeweih. Das will keiner mehr.”Auch bei der Laser Skin Company in Schöneberg werden immer häufiger Arschgeweihe entfernt. “Viele Frauen finden das nicht mehr so prickelnd”, sagt Arzt Lukas Fischer. Andere Kunden würden sich aus beruflichen Gründen ihre Tattoos entfernen lassen, weil diese bei Arbeitgebern wie Fluggesellschaften, Reedereien und Banken nicht gern gesehen würden. Auch Susanne Astner, Lasermedizinerin an der Charité, hatte solche Fälle. “Eine Patientin hatte sich mit 18 das Wort Princess auf den Unterarm tätowieren lassen und wollte dann mit 24 Sozialarbeiterin werden, und da passte das nicht mehr”, erzählt sie. Vor allem Frauen hätten sich oft aus jugendlichem Leichtsinn tätowieren lassen und bereuten dies heute. Die Ärztin kennt auch Fälle, wo der Name des Freundes, der nicht mehr aktuell ist, entfernt werden soll – oder der des Ehemanns, wenn die Ehe zerbrochen ist. Hans-Peter Berlien, Chefarzt der Lasermedizin an der Elisabeth-Klinik in der Lützowstraße, hat heute andere Kunden als früher. Einst kamen Leute, die Laientätowierungen hatten, die sie etwa als Gangmitglied oder Gefängnisinsasse auswiesen, heute sind es immer häufiger Patienten, die sich die Tätowierung als Schmuck haben machen lassen.Und den wollen sie jetzt wieder ablegen. Methoden wie das Wegätzen mit Säure oder das Abschleifen gehören bei der Entfernung von Tattoos der Vergangenheit an. Heute kommen meist Laser zum Einsatz, die mit Schockwellen die Farbpigmente zerstören. Diese wandern in tiefere Hautschichten und werden dort vom Immunsystem weggeschafft. Doch die Behandlung ist äußerst langwierig, ein teures Vergnügen und nicht ohne Risiken.”Es gibt keine Garantie, dass das Tattoo wirklich weggeht”, sagt Hautärztin Rowe. Einige Patienten habe sie 20 Mal behandelt und es sei immer noch etwas zu sehen gewesen. “Man braucht mindestens zwölf Sitzungen, und zwischen denen muss mindestens ein Monat liegen”, sagt Kollegin Astner. Im Sommer müsse die Behandlung oft ausgesetzt werden, weil Sonnenstrahlung während der Behandlung schädlich sei. Hans-Peter Berlien berichtet von einer Frau, die sich ein riesiges Hirschgeweih auf dem Rücken entfernen ließ. Es dauerte mehr als acht Jahre, bis das Tattoo endlich verschwunden war.Am besten lassen sich schwarze und blaue Tattoos entfernen, die Farben gelb und orange dagegen extrem schwer. Pro Sitzung werden je nach Größe 50 bis 400 Euro fällig. So kann ein Arschgeweih, das 200 Euro gekostet hat, bei seiner Entfernung das Zwanzigfache kosten. Zudem ist das Lasern schmerzhaft, wie Hautärztin Rowe sagt. “Patienten sagen, dass es mehr weh tut als das Tätowieren.” Die Laserbehandlung ist übrigens nicht für jeden geeignet. “Wer schon beim Tätowieren allergisch auf die Farben reagierte, bei dem kann die Methode zu einem schweren allergischen Schock führen”, erklärt Hans-Peter Berlien. In dem Fall müsse das Tattoo chirurgisch entfernt werden. Das hinterlässt allerdings eine Narbe.——————————Foto: Schön oder Schrott? Immer mehr junge Frauen mögen ihre Arschgeweihe nicht mehr und lassen sie aufwändig entfernen.

Von Eva Dorothée Schmid

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Der Tattoo-Entferner – Tagesspiegel 14.02.2005

Luis Hiedra, 35

Beruf

Chirurg, Chef der Laser Skin Company

Alltag

Den Valentinstag mag Luis Hiedra. Um diesen Termin herum laufen die Geschäfte immer gut, vor allem die Tattooentfernungen. Die Kunden wollen dann die Marie vom letzten Jahr vom Oberarm haben, damit die Jutta von diesem Jahr nicht sauer wird. Das dauert allerdings mindestens fünf Sitzungen. Hiedra benutzt Laserlicht, das unter der Haut mit den Pigmenten reagiert und sie in winzige Partikel zerschießt. Die werden über das Lymphsystem abgebaut; zurück bleibt eine weiße Fläche, manchmal allerdings auch eine Narbe. 80 Euro kostet das mindestens, oft aber mehr. Jüngst kam zum Beispiel ein Mann, der das Antlitz der Ex-Freundin in Multicolor auf dem Hintern trug. Es hat gedauert, bis das weg war.

Hiedra, der aus Kuba stammt und in Berlin studiert hat, hat die Laser Skin Company 1999 gegründet (www.laser-skin.de). Er bietet dort „alles an, was oberflächlich mit der Haut gemacht werden kann“. Peelings, Botox gegen Falten, Haar-, Pigmentflecken- und eben Tattooentfernungen, 20 bis 40 die Woche. Er stellt fest: Das Tattoo kommt aus der Mode. Vor drei, vier Jahren war die Hoch-Zeit – und jetzt wollen viele ihres wieder loswerden.

Foto: Mike Wolff/Text: rcf

http://www.tagesspiegel.de/berlin/der-tattoo-entferner/585144.html